Views of India IV

Krähenvögel, Corviden, zählen allgemein zu den intelligentesten und anpassungsfähigsten Tieren auf unserem Planeten. In Indien – und anliegenden Ländern – besonders verbreitet ist die house crow, die Glanzkrähe (Corvus splendens), die mit ihrem grauen Hals und schlankem Körper einen etwas eleganteren Eindruck als die europäischen Krähen macht, was durch ihren außerordentlich kräftigen Schnabel noch betont wird. Dementgegen steht ihr ausgesprochen aggressives Verhalten gegenüber anderen Glanzkrähen und ihre Kühnheit im Umgang mit Menschen, die sie gleichzeitig als Genossinen, Genossen und Gefahr zu begreifen und – das legt ihr vorsichtiger aber zugleich unverfrorener Blick nahe – insgesamt irgendwie zu verstehen scheint. Die Glanzkrähe kommt ausschließlich in der Nähe menschlicher Siedlungen vor, Populationen unabhängig von Menschen sind nicht bekannt. Sie ist extrem anpassungsfähig, macht sich alle möglichen Nebenprodukte der menschlichen Zivilisation zunutze: sie ernährt sich hochopportunistisch von menschlichen Abfällen und kleineren, ebenfalls menschliche Nähe suchenden, Tieren. Sie schläft in Gruppen über vielbefahrenen Straßen und verwertet für ihre Neste laut Wikipedia sogar Überreste von Stacheldraht. Ihr Immunsystem spielt das Anpassungsspiel ebenfalls mit. Ende des 19. Jahrhunderts stellte der Pathologe T.R. Lewis in Untersuchungen fest, dass eine Vielzahl der Glanzkrähen Hämatozoen, also Blutparasiten, in sich tragen – er war überrascht, dass die Tiere so überhaupt leben, oder besser überleben, konnten, während tausende lebende Parasiten in jedem Gewebe ihrer Körper wimmelten. Doch die Krähen schienen nicht im Geringsten davon gestört. Wohl auch aufgrund dieser bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit wird die Glanzkrähe in vielen Teilen der Welt als invasive Art eingeschätzt und wurde in Australien nach Einschleppung ausgerottet. Anders ergeht es ihr in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Südasien: dort ging mit der Bevölkerungsexplosion der Menschen eine Explosion der Bevölkerung der Glanzkrähen einher. Alleine, also ohne Menschen, hätte sie das nicht geschafft. Die Glanzkrähe ist irgendwie so anpassungsfähig, dass sie schon wieder nicht anpassungsfähig ist.

(Februar 2019)