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lichtfest in leipzig

seit jahrzehnten wird geworben
seit monaten geplant
seit tagen wird gewarnt:
in leipzig soll erinnert werden

an den beginn einer geeinten zeit
ohne teilung, wie es zynisch heißt
für die wendegewinner
und -verlierer zugleich

ich muss gehen
weil busse und bahnen
so scheiße fahren
und leipzig
heute eine
so geteilte stadt ist
und leipzig
heute eine
so geeinte stadt ist
dass es nicht einmal
geteilte autos gibt

30 jahre einheit ist
kein anlass zur feier mehr
sondern zur warnung

das schreit doch bände
gegen einen himmel
dem tausende hände
ihre hellen lichter
einheitlich entgegenwerfen

zu hause hat irgendeine
sau
ihr hurensöhne
auf
meinen briefkasten
geschmiert

und der präsident will
einen „selbstbewussten blick auf
unser eigenes land“
im leipziger licht

während in halle ein rechter
auf eine synagoge schießt
was ohne selbstbewusstsein
gar nicht möglich wäre

(Oktober 2019)

The Interrupter

I was in a psychiatric hospital a couple of years ago. One day I was sitting in the atrium, with a friend, when this guy, let’s call him Bob, walked in with two orderlies. Bob was limping … he hasn’t done that before, I thought. He’d been a fellow patient of mine and some kind of a nut – I didn’t like him. He interrupted everyone – I didn’t like that. He’d been kicked out a few days earlier. He had boozed some ouzo and a couple of beers over the weekend to „calm down“, as he had said. He didn’t get away with that, though. So in addition to interrupting people, he has also interrupted his therapy, I thought.
We had already bid farewell after that and now he was back. But why? This was so awkward … I couldn’t even keep talking to my friend. I was paralysed – calm on the outside, but thinking all the time. Why was he back? Suddenly, I saw him waving – heaving-handedly.
„Hey“, he said.
„Hi“, I muttered, looking around, not really sure if he was talking to me. Why was he back?, I thought.
„I’m back … ward 4 … Say hello to Elaine“, he said. I couldn’t reply – still only wondered why he was back. Ward 4, ward 4, I thought – acute care unit, definitely, maybe even closed, I thought. Hospitalisation, I thought.
„You good?“, he asked – which … felt weird, given the context.
„Well, yeah, you?“, I uttered. He didn’t reply … and I got somewhat nervous as the seconds passed. Why was he back?
Then he raised his arm … all calm … and pulled the edge of his hand passed his throat, as if he was cutting his head off with his hand. Silence. That’s why he’s back, I thought.
„Didn’t work“, he said, all calm still.
I stared at him for what felt like minutes … frozen … gathering my thoughts.
„Nice … that … it … didn’t work“, I stuttered, now very worried about where this was going.
„Don’t think so“, he dropped and turned away, interrupting our conversation, as I should have expected.
Bob tried to interrupt his life, but unlike with conversations, he failed, I think now. And actually … I later found out that Bob’s suicide attempt had really been bound to fail. He went to park his car in some random park, connected the exhaust to the cabin, got really drunk, popped some pills, and started the engine. Bob was found, obviously. And now that I think about it – he must have wanted to … interrupt his own suicide … making him the ultimate interrupter.
Well, come to think about it … good for him.

(October 2019)

Ein Österreicher über Österreich – Ein prophetischer Einwurf

„Diese immer dümmer werdenden Regierungen, die wir hier in Österreich haben, werden schon mit der Zeit dafür sorgen, daß es in Österreich bald keinerlei Kultur mehr gibt, nur noch das Banausentum, sagte Reger. Die Atmosphäre hier in Österreich wird immer kulturfeindlicher, von Jahr zu Jahr wird sie kulturfeindlicher und alles spricht dafür, daß in nicht allzu langer Zeit Österreich ein vollkommen kulturloses Land ist […] Das Kulturlicht wird ausgelöscht in Österreich, das sage ich Ihnen, der Stumpfsinn, der in diesem Land schon so lange herrscht, löscht in nicht allzu langer Zeit das Kulturlicht aus. Dann ist es finster in Österreich, sagte Reger. Aber Sie können sagen, was Sie wollen in dieser Hinsicht, Sie werden nicht gehört und wenn Sie gehört werden, hält man Sie für einen Narren […] Schade, daß ich das nicht mehr erlebe, wie nämlich die Österreicher im Finstern tappen, weil ihr Kulturlicht ausgegangen ist. Schade, daß ich daran nicht mehr teilnehmen kann, sagte er.“

Thomas Bernhard (1931 – 1989), Alte Meister, 1985, S. 183f.

senfgelb und himbeerrot

gitarren malen in der himbeerroten luft
pastellne klänge tönen still – geschwind
zerlaufen sie im sommerwind
der friedlich deinen schönen duft
annimmt.

die nackten körper zittern beben stark und starr
wie äste senfgelb warmen pappellaubs
die nächte heißen sternenstaubs
befeuern lust und liebe – klar
und taub.

nelkengleich verführst du meine zunge
ein geschmack so zärtlich bitter süß und schwer
spült deinen lieben duft durch mund und herz.

und meine trüben sinne voller schmerz
wandeln wahnhaft bis in unsren lungen
atem sich vereint – wie sommerwind und meer.

(April 2018)

Views of India VII

Mitten in Mumbais touristischstem Viertel. Ein Tourist ist auf der Suche nach einem ruhigen Ort inmitten des Chaos. Ein Mann – Mitte 50 – geht neben ihm. Er spricht in typischem Indian English.

DER MANN
[leidenschaftslos]
What country?

DER TOURIST
[nach kurzem Schulterblick]
Germany.

DER MANN
City? …
What city there is?
[abwartend]
Belgium?

DER TOURIST
That’s another country.

DER MANN
… Moscow?

DER TOURIST
[leicht genervt]
That’s in Russia.

DER MANN
[überlegt ein wenig länger]
… BERLIN!

Der Tourist dreht sich zu ihm, sieht ihn breit lächeln, grinst zurück und gibt thumbs up.
Noch breiter lächelnd dreht der Mann sich leicht und geht in die andere Richtung ab.

Views of India VI

Das Fremde begleitet dich überall. In den Staßen, bei den Menschen, aber auch in der Natur. Was war das?, denkst du oft. Oder, was soll das bedeuten? Viele Ereignisse und Entscheidungen bleiben selbst nach gründlicher Überlegung unklar für dich. Warum machen die Menschen das so? Du denkst, mit der Zeit gewöhnst du dich daran, aber das stimmt nicht – zumindest nicht für die kleinen unscheinbaren Alltagserlebnisse. Das Wetter, ja, der Verkehr, ja, das Essen, ja. Diese lernst du zu schätzen. Aber die kleinen Unterschiede, die dir in den ersten Wochen gar nicht aufgefallen sind, vielleicht, nein. Daran gewöhnst du dich nicht, zumindest nicht so schnell, sie bleiben dir für lange Zeit fremd, und werden auch für lange Zeit fremd bleiben. Gehst du etwa durch den Wald und siehst etwas durch die Bäume rauschen – was war das? Ein Vogel? Ein Affe? Eine Fledermaus? Du weißt es nicht. – Schaust du auf den Boden und siehst einen schuppigen Zylinder – was ist das? Eine Schlange? Eine Echse? Ein Ast? Du weißt es nicht und denkst an die viel instinktivere Sicherheit, die du in den Wäldern und Forsten deiner Heimat – was für ein scheußlicher Begriff – verspürst, wo du auch längst nicht alles kennst, geschweige denn sicher identifizieren kannst – vielleicht sogar gar nichts – aber dich trotzdem mit allem im Allgemeinen viel vertrauter fühlst, obwohl du gar nicht weißt, warum. Ist es vielleicht das, was so etwas wie Heimat wirklich ausmacht, sich einem Zustand des intuitiven Vertrautfühlens zumindest annähern, und so schwer erlernbar scheint? Dann ist Heimat eine Illusion.

(März 2019)

abendliche malerei (Entwurf)

der goldene himmel im wolkenverband
verweilt nur wenige augenschläge
danach erscheinen die grauen beläge
der höchsten decke im alltagsgewand.

die mächtigen hände − ein sinkender maler
bekleiden die leinwand mit kräftigen tönen
der schimmernde rote lichtspalt wird fahler
bis wir uns vollends ans dunkle gewöhnen.

ein fahles grau mit blau gemischt
erscheint als letzter bote im licht
bevor horizont als letztes gericht
die leinwand ganz mit schwärze verwischt.

(2010)

 

Kleiner Hinweis: Immer mal wieder stelle ich auch nicht überarbeitete alte Gedichte, oder Entwürfe von Gedichten, vor, die ich vielleicht (oder besser: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit) heute anders schreiben würde, und, je nach meinem Interesse an dem Stoff, auch noch einmal anders schreiben werde.

ICH (Views of India V)

chappati, porotta, poorie – drei Brote aus Weizenmehl, tomato fry – leicht angebratene Zwiebeln, Ingwer, grüner Chili in gewürzter, roter Tomatensoße mit eingelegten frischen Tomatenscheiben, und onion salad – grob gewürfelte rohe, rote Zwiebel mit nur kontrapunktischer Zugabe von frischen, grünen Chili- und Tomatenscheiben. Eine großartige Mahlzeit in Thrissur, Kerala, im berühmten Indian Coffee House (ICH), einer durch Arbeiter – organisiert in der von A. K. Gopalan (AKG) initiierten India Coffee Board Worker’s Co-operative Society – selbstverwalteten Restaurantkette im kommunistischen Bundesstaat. Im ICH sind die mit einer farbenfrohen Blumenkette umhangenen und einer roten Glühbirne von unten beleuchteten Heiligenbilder, die man in so vielen indischen Glaubensgebäuden verschiedenster Konfessionen findet, durch ein Bild des von unten mit einer roten Glühbirne und mit einer roten, nicht bunten, Blumenkette umhangenen AKG ersetzt worden, eine dem Malewitsch-Quadrat analoge Adaption heiliger Traditionen durch eine hier politische Moderne. Das Ambiente, die Ausstattung, die Mahlzeit sind einfach, spartanisch, hervorragend.

(Februar 2019)