Ein Österreicher über Österreich – Ein prophetischer Einwurf

„Diese immer dümmer werdenden Regierungen, die wir hier in Österreich haben, werden schon mit der Zeit dafür sorgen, daß es in Österreich bald keinerlei Kultur mehr gibt, nur noch das Banausentum, sagte Reger. Die Atmosphäre hier in Österreich wird immer kulturfeindlicher, von Jahr zu Jahr wird sie kulturfeindlicher und alles spricht dafür, daß in nicht allzu langer Zeit Österreich ein vollkommen kulturloses Land ist […] Das Kulturlicht wird ausgelöscht in Österreich, das sage ich Ihnen, der Stumpfsinn, der in diesem Land schon so lange herrscht, löscht in nicht allzu langer Zeit das Kulturlicht aus. Dann ist es finster in Österreich, sagte Reger. Aber Sie können sagen, was Sie wollen in dieser Hinsicht, Sie werden nicht gehört und wenn Sie gehört werden, hält man Sie für einen Narren […] Schade, daß ich das nicht mehr erlebe, wie nämlich die Österreicher im Finstern tappen, weil ihr Kulturlicht ausgegangen ist. Schade, daß ich daran nicht mehr teilnehmen kann, sagte er.“

Thomas Bernhard (1931 – 1989), Alte Meister, 1985, S. 183f.

senfgelb und himbeerrot

gitarren malen in der himbeerroten luft
pastellne klänge tönen still – geschwind
zerlaufen sie im sommerwind
der friedlich deinen schönen duft
annimmt.

die nackten körper zittern beben stark und starr
wie äste senfgelb warmen pappellaubs
die nächte heißen sternenstaubs
befeuern lust und liebe – klar
und taub.

nelkengleich verführst du meine zunge
ein geschmack so zärtlich bitter süß und schwer
spült deinen lieben duft durch mund und herz.

und meine trüben sinne voller schmerz
wandeln wahnhaft bis in unsren lungen
atem sich vereint – wie sommerwind und meer.

(April 2018)

Views of India VII

Mitten in Mumbais touristischstem Viertel. Ein Tourist ist auf der Suche nach einem ruhigen Ort inmitten des Chaos. Ein Mann – Mitte 50 – geht neben ihm. Er spricht in typischem Indian English.

DER MANN
[leidenschaftslos]
What country?

DER TOURIST
[nach kurzem Schulterblick]
Germany.

DER MANN
City? …
What city there is?
[abwartend]
Belgium?

DER TOURIST
That’s another country.

DER MANN
… Moscow?

DER TOURIST
[leicht genervt]
That’s in Russia.

DER MANN
[überlegt ein wenig länger]
… BERLIN!

Der Tourist dreht sich zu ihm, sieht ihn breit lächeln, grinst zurück und gibt thumbs up.
Noch breiter lächelnd dreht der Mann sich leicht und geht in die andere Richtung ab.

Views of India VI

Das Fremde begleitet dich überall. In den Staßen, bei den Menschen, aber auch in der Natur. Was war das?, denkst du oft. Oder, was soll das bedeuten? Viele Ereignisse und Entscheidungen bleiben selbst nach gründlicher Überlegung unklar für dich. Warum machen die Menschen das so? Du denkst, mit der Zeit gewöhnst du dich daran, aber das stimmt nicht – zumindest nicht für die kleinen unscheinbaren Alltagserlebnisse. Das Wetter, ja, der Verkehr, ja, das Essen, ja. Diese lernst du zu schätzen. Aber die kleinen Unterschiede, die dir in den ersten Wochen gar nicht aufgefallen sind, vielleicht, nein. Daran gewöhnst du dich nicht, zumindest nicht so schnell, sie bleiben dir für lange Zeit fremd, und werden auch für lange Zeit fremd bleiben. Gehst du etwa durch den Wald und siehst etwas durch die Bäume rauschen – was war das? Ein Vogel? Ein Affe? Eine Fledermaus? Du weißt es nicht. – Schaust du auf den Boden und siehst einen schuppigen Zylinder – was ist das? Eine Schlange? Eine Echse? Ein Ast? Du weißt es nicht und denkst an die viel instinktivere Sicherheit, die du in den Wäldern und Forsten deiner Heimat – was für ein scheußlicher Begriff – verspürst, wo du auch längst nicht alles kennst, geschweige denn sicher identifizieren kannst – vielleicht sogar gar nichts – aber dich trotzdem mit allem im Allgemeinen viel vertrauter fühlst, obwohl du gar nicht weißt, warum. Ist es vielleicht das, was so etwas wie Heimat wirklich ausmacht, sich einem Zustand des intuitiven Vertrautfühlens zumindest annähern, und so schwer erlernbar scheint? Dann ist Heimat eine Illusion.

(März 2019)

abendliche malerei (Entwurf)

der goldene himmel im wolkenverband
verweilt nur wenige augenschläge
danach erscheinen die grauen beläge
der höchsten decke im alltagsgewand.

die mächtigen hände − ein sinkender maler
bekleiden die leinwand mit kräftigen tönen
der schimmernde rote lichtspalt wird fahler
bis wir uns vollends ans dunkle gewöhnen.

ein fahles grau mit blau gemischt
erscheint als letzter bote im licht
bevor horizont als letztes gericht
die leinwand ganz mit schwärze verwischt.

(2010)

 

Kleiner Hinweis: Immer mal wieder stelle ich auch nicht überarbeitete alte Gedichte, oder Entwürfe von Gedichten, vor, die ich vielleicht (oder besser: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit) heute anders schreiben würde, und, je nach meinem Interesse an dem Stoff, auch noch einmal anders schreiben werde.

ICH (Views of India V)

chappati, porotta, poorie – drei Brote aus Weizenmehl, tomato fry – leicht angebratene Zwiebeln, Ingwer, grüner Chili in gewürzter, roter Tomatensoße mit eingelegten frischen Tomatenscheiben, und onion salad – grob gewürfelte rohe, rote Zwiebel mit nur kontrapunktischer Zugabe von frischen, grünen Chili- und Tomatenscheiben. Eine großartige Mahlzeit in Thrissur, Kerala, im berühmten Indian Coffee House (ICH), einer durch Arbeiter – organisiert in der von A. K. Gopalan (AKG) initiierten India Coffee Board Worker’s Co-operative Society – selbstverwalteten Restaurantkette im kommunistischen Bundesstaat. Im ICH sind die mit einer farbenfrohen Blumenkette umhangenen und einer roten Glühbirne von unten beleuchteten Heiligenbilder, die man in so vielen indischen Glaubensgebäuden verschiedenster Konfessionen findet, durch ein Bild des von unten mit einer roten Glühbirne und mit einer roten, nicht bunten, Blumenkette umhangenen AKG ersetzt worden, eine dem Malewitsch-Quadrat analoge Adaption heiliger Traditionen durch eine hier politische Moderne. Das Ambiente, die Ausstattung, die Mahlzeit sind einfach, spartanisch, hervorragend.

(Februar 2019)

Views of India IV

Krähenvögel, Corviden, zählen allgemein zu den intelligentesten und anpassungsfähigsten Tieren auf unserem Planeten. In Indien – und anliegenden Ländern – besonders verbreitet ist die house crow, die Glanzkrähe (Corvus splendens), die mit ihrem grauen Hals und schlankem Körper einen etwas eleganteren Eindruck als die europäischen Krähen macht, was durch ihren außerordentlich kräftigen Schnabel noch betont wird. Dementgegen steht ihr ausgesprochen aggressives Verhalten gegenüber anderen Glanzkrähen und ihre Kühnheit im Umgang mit Menschen, die sie gleichzeitig als Genossinen, Genossen und Gefahr zu begreifen und – das legt ihr vorsichtiger aber zugleich unverfrorener Blick nahe – insgesamt irgendwie zu verstehen scheint. Die Glanzkrähe kommt ausschließlich in der Nähe menschlicher Siedlungen vor, Populationen unabhängig von Menschen sind nicht bekannt. Sie ist extrem anpassungsfähig, macht sich alle möglichen Nebenprodukte der menschlichen Zivilisation zunutze: sie ernährt sich hochopportunistisch von menschlichen Abfällen und kleineren, ebenfalls menschliche Nähe suchenden, Tieren. Sie schläft in Gruppen über vielbefahrenen Straßen und verwertet für ihre Neste laut Wikipedia sogar Überreste von Stacheldraht. Ihr Immunsystem spielt das Anpassungsspiel ebenfalls mit. Ende des 19. Jahrhunderts stellte der Pathologe T.R. Lewis in Untersuchungen fest, dass eine Vielzahl der Glanzkrähen Hämatozoen, also Blutparasiten, in sich tragen – er war überrascht, dass die Tiere so überhaupt leben, oder besser überleben, konnten, während tausende lebende Parasiten in jedem Gewebe ihrer Körper wimmelten. Doch die Krähen schienen nicht im Geringsten davon gestört. Wohl auch aufgrund dieser bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit wird die Glanzkrähe in vielen Teilen der Welt als invasive Art eingeschätzt und wurde in Australien nach Einschleppung ausgerottet. Anders ergeht es ihr in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Südasien: dort ging mit der Bevölkerungsexplosion der Menschen eine Explosion der Bevölkerung der Glanzkrähen einher. Alleine, also ohne Menschen, hätte sie das nicht geschafft. Die Glanzkrähe ist irgendwie so anpassungsfähig, dass sie schon wieder nicht anpassungsfähig ist.

(Februar 2019)