lichtfest in leipzig

seit jahrzehnten wird geworben
seit monaten geplant
seit tagen wird gewarnt:
in leipzig soll erinnert werden

an den beginn einer geeinten zeit
ohne teilung, wie es zynisch heißt
für die wendegewinner
und -verlierer zugleich

ich muss gehen
weil busse und bahnen
so scheiße fahren
und leipzig
heute eine
so geteilte stadt ist
und leipzig
heute eine
so geeinte stadt ist
dass es nicht einmal
geteilte autos gibt

30 jahre einheit ist
kein anlass zur feier mehr
sondern zur warnung

das schreit doch bände
gegen einen himmel
dem tausende hände
ihre hellen lichter
einheitlich entgegenwerfen

zu hause hat irgendeine
sau
ihr hurensöhne
auf
meinen briefkasten
geschmiert

und der präsident will
einen „selbstbewussten blick auf
unser eigenes land“
im leipziger licht

während in halle ein rechter
auf eine synagoge schießt
was ohne selbstbewusstsein
gar nicht möglich wäre

(Oktober 2019)

senfgelb und himbeerrot

gitarren malen in der himbeerroten luft
pastellne klänge tönen still – geschwind
zerlaufen sie im sommerwind
der friedlich deinen schönen duft
annimmt.

die nackten körper zittern beben stark und starr
wie äste senfgelb warmen pappellaubs
die nächte heißen sternenstaubs
befeuern lust und liebe – klar
und taub.

nelkengleich verführst du meine zunge
ein geschmack so zärtlich bitter süß und schwer
spült deinen lieben duft durch mund und herz.

und meine trüben sinne voller schmerz
wandeln wahnhaft bis in unsren lungen
atem sich vereint – wie sommerwind und meer.

(April 2018)

abendliche malerei (Entwurf)

der goldene himmel im wolkenverband
verweilt nur wenige augenschläge
danach erscheinen die grauen beläge
der höchsten decke im alltagsgewand.

die mächtigen hände − ein sinkender maler
bekleiden die leinwand mit kräftigen tönen
der schimmernde rote lichtspalt wird fahler
bis wir uns vollends ans dunkle gewöhnen.

ein fahles grau mit blau gemischt
erscheint als letzter bote im licht
bevor horizont als letztes gericht
die leinwand ganz mit schwärze verwischt.

(2010)

 

Kleiner Hinweis: Immer mal wieder stelle ich auch nicht überarbeitete alte Gedichte, oder Entwürfe von Gedichten, vor, die ich vielleicht (oder besser: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit) heute anders schreiben würde, und, je nach meinem Interesse an dem Stoff, auch noch einmal anders schreiben werde.

philosophie I (Entwurf)

die sonne schien über den berg
und schrie
die erde sei auf ewig verlorn.

der regen trommelte auf alle
gestalten die wanderten ziellos
auf dem leeren planeten.

einige getrieben von worten mit sinn
gestöhne gerede und geschrei
es war nicht zu verstehn.

(2008)

 

Kleiner Hinweis: Immer mal wieder stelle ich auch nicht überarbeitete alte Gedichte, oder Entwürfe von Gedichten, vor, die ich vielleicht (oder besser: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit) heute anders schreiben würde, und, je nach meinem Interesse an dem Stoff, auch noch einmal anders schreiben werde.

ballade vom blumenladen im winter

blumenverkauf läuft nur schleppend
im winter – nach weihnachten
wenn menschen fett und satt und rund sind
von braten und weihnachtssternen.

lichtmangel kappt neujahrsabsatz
im hagel – nach silvester
wenn abgetrennte blumenköpfe
so grau sind wie die tapeten.

das ständige dämmern vergräbt kontraste
die nötig wären
um schattierungen der schönsten blumen

in den engen wohnungen zu zeigen –
wenn meine tage
nicht mehr hell genug zu werden scheinen.

(Januar 2019)

sola unitate

der schwarze schmerz sitzt tief und schwer verbunden
durchzieht das land und alle menschen scharf
ihr grauer gram quellt vor aus kalten wunden
sie ahnen nichts von ihrem trostbedarf.

die sonne scheint, die dunklen wolken sind vergangen
und menschen strömen lichtwärts, wie aus nachtverstecken
geblendet gellend grell – die fenster sind verhangen
als wollten freudentrauertränen sie verdecken.

sie wissen aber nichts von liebe, hass, zufriedenheit
von süßer zärtlichkeit – vom leidenschaftlich brennen
sie haben nie der lebenslust entsagt.

ich darf sie aber nicht verachten im erkennen
von neid zerfressen, niedertrachtgeplagt
weil doch ihr weiter weg – so leicht wie schwer – nach meinem schreit.

(April 2018)

gefühl der nähe

verzweiflung grauen qual und dreck
ich kann nicht schreien was ich spüre
verbrenne grausam mein versteck
in dem ich meine schuld berühre.

edel fühlen – stolz verstrahlen
niemand kennt sich oder mich
nichts steht zwischen scham und prahlen
nichts steht zwischen nacht und licht.

berührung sehnsucht gram und stoß
wir taumeln zwischen nah und weit
getrieben in der liebe weiten schoß
der endet stets in naher einsamkeit. 

(April 2018)

mondlichtstrahlen

meine verse fließen aus den fingern
wie mondlichtstrahlen in die nacht
kathartisch muss ich mich nicht sorgen
du hast mir leidenschaft vermacht.

gefrorner strom gebärt gedankenstau
der falsche fluss gerät ins stocken
damit ich nicht im schlamm verdrecke
musst du mich zärtlich zu dir locken.

frühling frisch des wassers kälte klart
masse wankt ins tiefe tal hinab
ein staudamm hält gewalt zurück
die uns fast lebensfreude gab.

sommersonne dörrt ein flussbett aus
es gibt dich vielleicht gar nicht
auf starrem stein und staub bestattet
gibt es mich vielleicht gar nicht.

(September 2018)