Views of India II

90% der in Indien lebenden, oder arbeitenden, ich weiß nicht mehr, Menschen arbeiten im sogenannten unorganisierten Sektor, habe ich gelesen. Das erklärt einiges: etwa, warum es tageszeitenunabhängig und überall gleich voll ist. Die Mühle des organisierten Arbeitsalltages gibt es so nicht, das, was wir Stoßzeiten nennen, ist gleichmäßig verteilt. Die Leute rennen nicht wie die Blöden ins Büro rein, morgens zwischen 7 und 8, und wie die Blöden raus aus dem Büro, abends zwischen 5 und 6. Der Biorhythmus scheint hier den Primat über die Arbeit zu haben. Spürbar ist das auf den Straßen, in den Restaurants, und auch im Nah- und Fernverkehr. Früh morgens ist aber trotzdem Ruhe, dann, vor und kurz nach Sonnenaufgang, wenn nur die Frauen der reproduktiven Arbeit nachgehen müssen, die von Außen unsichtbar bleibt.

(Februar 2019)

Views of India I

Das Erste, was mir an Indien aufgefallen war, als ich einen Hügel hinaufstieg, um mir einen besseren Überblick über die Landschaft zu verschaffen, war das vollständige Fehlen von Hochspannungsstromleitungen. Dadurch sieht die Landschaft allgemein schöner, weil unberührter als in Deutschland und Zentraleuropa, aus. Später stellte sich diese erste Annahme als Irrtum heraus – die Stromleitungen in Indien verlaufen eigentlich nur viel tiefer, was sie aus der Höhe praktisch unsichtbar macht. Der Ausblick, die Belohnung, zeigt aber, dass es prinzipiell eine gute Idee ist, auf Hügel zu steigen, um sich einen Überblick von unbekanntem Gebiet, zunächst ungeachtet unzähliger vom Wesentlichen ablenkenden Details, zu verschaffen. Das gilt sowohl für echte Hügel, als insbesondere für mentale Hügel, bei denen das Heraufsteigen und Heraufklettern durch die ständige Verlockung, sich in den Einzelheiten zu verlieren, vielleicht noch viel anstrengender ist, aber die Notwendigkeit und der Gewinn auch viel größer sein können.

(Februar 2019)

philosophie I (Entwurf)

die sonne schien über den berg
und schrie
die erde sei auf ewig verlorn.

der regen trommelte auf alle
gestalten die wanderten ziellos
auf dem leeren planeten.

einige getrieben von worten mit sinn
gestöhne gerede und geschrei
es war nicht zu verstehn.

(2008)

 

Kleiner Hinweis: Immer mal wieder stelle ich auch nicht überarbeitete alte Gedichte, oder Entwürfe von Gedichten, vor, die ich vielleicht (oder besser: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit) heute anders schreiben würde, und, je nach meinem Interesse an dem Stoff, auch noch einmal anders schreiben werde.