
(Die wunderschöne) Sophie Wolf.
(Januar 2019)

(Die wunderschöne) Sophie Wolf.
(Januar 2019)
blumenverkauf läuft nur schleppend
im winter – nach weihnachten
wenn menschen fett und satt und rund sind
von braten und weihnachtssternen.
lichtmangel kappt neujahrsabsatz
im hagel – nach silvester
wenn abgetrennte blumenköpfe
so grau sind wie die tapeten.
das ständige dämmern vergräbt kontraste
die nötig wären
um schattierungen der schönsten blumen
in den engen wohnungen zu zeigen –
wenn meine tage
nicht mehr hell genug zu werden scheinen.
(Januar 2019)
Es ist relativ selten, dass Sprachwandel – diese ominöse, vom Konservatismus so sehr verhasste, von progressiven Kräften dafür zuweilen umso heißer herbeigesehnte, -gewünschte und -geschriene kollektive Kraft der menschlichen Kommunikation – ganz unmittelbar und live in action beobachtet werden kann. Es müssen einige Faktoren zusammenkommen, dass eine gesamten Gruppe von Menschen bemerken kann, dass sie Zeug*innen einer semantischen Verschiebung geworden sind, und sie sich selber bewusst werden können, dass die Bedeutung eines Wortes, die ihnen gestern auf eine Art und Weise klar war, sich heute in eine möglicherweise ganz andere Art und Weise verwandelt hat. Starke emotionale Kollektivreaktionen können das vielleicht erreichen, wobei diese eher in symbolistischen Metaphern und begrifflich kryptischen Wortneuschöpfungen oder Repräsentationen, wie 9/11 für so etwas wie Terrorismus oder Fukushima für die Gefahr der zivilen Nutzung von Kernenergie, münden, die den gesellschaftlichen Wortschatz eher erweitern als morphen. Darüber will ich aber gar nicht schreiben. Schreiben will ich über eine andere Form des Sprachwandels – die der semantischen Erweiterung, bei der einem bereits bestehenden Begriff eine neue Bedeutung zugeschrieben wird, die praktisch diesen Begriff um eine zusätzliche Dimension ergänzt; eine neue Ebene, die den Begriff vielschichtiger macht. Spannend, ja, aber wie sollst du dir das jetzt im Detail vorstellen? Um ein Beispiel zu geben, denke einfach an das Wort Kantholz, das bis vor wenigen Tagen ein unbescholtenes Dasein gefristet hat, und ein ruhiges Leben geführt hat, in einem Sprachspiel, das am ehesten Baumarkt-Jargon genannt werden könnte, und welches praktisch nie (und wenn dann von sehr wenigen nur) gespielt wurde. Wer – und ich behaupte niemand – hätte gedacht, dass dieses Wort, diese vielleicht langweiligste Bezeichnung eines einfachen Nutzgegenstandes, Kantholz, jemals das Potential gewinnen würde, intensive Lachkrämpfe auszulösen? Was ist passiert? Hybris, sage ich dir. Nicht nur eine starke emotionale Kollektivreaktion treibt den Sprachwandel, sondern auch der Versuch, diese durch Lügen und Betrügereien künstlich zu erzeugen. Wenn also jemand versucht, aus der Behauptung, einen feigen und brutalen Mordversuch mit einem sogenannten Kantholz nur knapp und glücklich überlebt zu haben (und der Begriff Kantholz wurde dabei mehrfach und auffällig betont, so auffällig oft, dass dieses sonst so unscheinbare Wort auf einmal gesellschaftliche Präsenz erlangte), emotionales Kapital zu schlagen, sich dann aber herausstellt, dass die Verletzungen durch einen Sturz nach einem Schlag auf den Rücken, ganz ohne Schlagwaffe, entstanden sind, dann gibt es ein gewisses gesellschaftliches Gespür dafür, diesen gescheiterten Versuch in das gesellschaftliche Gedächtnis zu integrieren und diesen gescheiterten Versuch an irgendetwas mit dem Vorfall Zusammenhängendes zu knüpfen. In diesem Fall hat es die Phantomwaffe, das dadurch jetzt berühmt-berüchtigte Kantholz, getroffen. „Aber ist das denn nicht einfach nur Schadenfreude?“ magst du fragen. Nein, sage ich dir. Wer das Kantholz so stark hobelt, darf sich danach nicht beschweren, dass auch Späne fallen. Bleibt noch die Frage, was sich nach diesem Vorfall eigentlich wirklich und tatsächlich verändert hat. Eigentlich nicht viel. Nur die Sprache hat sich leicht geändert, wie sie es schon immer getan hat.
(Januar 2019)


Titel entnommen aus dem (wundervollen) Gedicht Städter von Alfred Wolfenstein (1914).
(Januar 2019)

(Januar 2019)
die nacht ist hell
damit die menschen in ihren grellen städten
sich nicht verlieren.
morgens früh jedoch –
wenn das licht erlischt
und es regnet
und schwarzer strahl im himmel wieder grau verglimmt
dunkelt tag erneut.
(Januar 2019)

Arrangement von Axel Orozco Möhl (mehr von Axel hier hier). Fotografie und Komposition von mir.
(Dezember 2018)

Arrangement von Axel Orozco Möhl (mehr von Axel hier hier). Fotografie und Komposition von mir.
(Dezember 2018)

Arrangement von Axel Orozco Möhl (mehr von Axel hier hier). Fotografie und Komposition von mir.
(Dezember 2018)
der schwarze schmerz sitzt tief und schwer verbunden
durchzieht das land und alle menschen scharf
ihr grauer gram quellt vor aus kalten wunden
sie ahnen nichts von ihrem trostbedarf.
die sonne scheint, die dunklen wolken sind vergangen
und menschen strömen lichtwärts, wie aus nachtverstecken
geblendet gellend grell – die fenster sind verhangen
als wollten freudentrauertränen sie verdecken.
sie wissen aber nichts von liebe, hass, zufriedenheit
von süßer zärtlichkeit – vom leidenschaftlich brennen
sie haben nie der lebenslust entsagt.
ich darf sie aber nicht verachten im erkennen
von neid zerfressen, niedertrachtgeplagt
weil doch ihr weiter weg – so leicht wie schwer – nach meinem schreit.
(April 2018)