Aus ‚Der Anruf‘

[…]

Ich habe mein Leben immer, eigentlich so lange ich denken kann, für ein problematisches gehalten. Problematisch in dem Sinne, dass ich entweder Probleme habe, oder, wenn ich keine Probleme habe, ich mir Probleme schaffen, also Unproblematisches problematisieren muss. Dadurch bin ich eigentlich immer irgendwie unzufrieden. Wenn ich Probleme habe, bin ich unzufrieden. Wenn ich keine Probleme habe, schaffe ich mir Probleme und bin dann unzufrieden. Es fiel mir immer schon schwer, ein Leben ohne das Problematische zu führen. Ohne Problematisches fühle mich irgendwie geistig niemals vollkommen ausgelastet. Wenn ich nicht über Probleme nachdenken kann, habe ich das Gefühl, mein Kopf wäre im Leerlauf. Deshalb schuf ich mir welche, wenn ich eigentlich gar keine hatte – ein Kreislauf, Kreisgedanken, ein sinnloses Hamsterrad. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, wie Camus so schön gesagt hat. Es spielt keine Rolle, ob ich immer und immer und immer wieder sinnlos einen Fels auf den Berg schleppen, oder immer und immer und immer wieder ein sinnloses Problem durch meinen Kopf kreisen lassen muss. Der Fels gehört Sisyphos, das Problematische gehört mir – entscheidend ist nur, dass der Fels das Leben des Sisyphos ausfüllt, wie das Problematische mein Leben ausfüllt. Problematisch daran ist aber, dass mein Leben eher durch das Problematische ausgefüllt wird, das Problematische mir die Kontrolle entreißt, was für mich blöd ist, weil mich dieses Verhalten eigentlich wesentlich unzufriedener macht, als ich mir Sisyphos vorstellen soll.

[…]

(Juli 2018)

gefühl der nähe

verzweiflung grauen qual und dreck
ich kann nicht schreien was ich spüre
verbrenne grausam mein versteck
in dem ich meine schuld berühre.

edel fühlen – stolz verstrahlen
niemand kennt sich oder mich
nichts steht zwischen scham und prahlen
nichts steht zwischen nacht und licht.

berührung sehnsucht gram und stoß
wir taumeln zwischen nah und weit
getrieben in der liebe weiten schoß
der endet stets in naher einsamkeit. 

(April 2018)

mondlichtstrahlen

meine verse fließen aus den fingern
wie mondlichtstrahlen in die nacht
kathartisch muss ich mich nicht sorgen
du hast mir leidenschaft vermacht.

gefrorner strom gebärt gedankenstau
der falsche fluss gerät ins stocken
damit ich nicht im schlamm verdrecke
musst du mich zärtlich zu dir locken.

frühling frisch des wassers kälte klart
masse wankt ins tiefe tal hinab
ein staudamm hält gewalt zurück
die uns fast lebensfreude gab.

sommersonne dörrt ein flussbett aus
es gibt dich vielleicht gar nicht
auf starrem stein und staub bestattet
gibt es mich vielleicht gar nicht.

(September 2018)